Mittwoch, 9. Januar 2013

Beasts ohne Biss

"Magisch", "verzaubernd", "Indie-Meisterwerk", "bester Film des Jahres" - "Beasts of the Southern Wild erfährt eine Menge Liebe von den Kritikern. Metacritic ermittelt einen Wert von fast 90. Und ich sitze im Kino, rutsche unruhige mit dem Hintern auf dem Sitz hin und her und frage mich am Ende, ob sie vielleicht einen anderen Film gesehen haben, als ich. "Beasts of the Southern Wild" ist visuell toll, doch bleibt sein "magischer Realismus" ein leeres Versprechen. Oder bin ich einfach nur ein Nieselpriem, der sich ärgert, wenn ein Film ihm Emotionen abquetscht?


Schauen wir uns mal den Trailer an.




Ein fünfjähriges Mädchen namens Hushpuppy (großartig: Quvenzhané Wallis) lebt mit seinem Vater (Dwight Henry) in einer Community in einer Mangrove nahe New Orleans. Ein lang erwarteter Sturm setzt die Gegend, genannt Bathtub, unter Wasser. Einige Bewohner fliehen, ein paar wenige bleiben und lassen sich auch nicht vom Katastrophenschutz helfen. Der Vater, sonst immer stark und aggressiv siecht gleichzeitig an einer Krankheit dahin, das Mädchen sucht dazu noch seine vor Jahren schon verschwundene Mutter und fantasiert von riesigen Ebern, die sie jagen und das Land verheeren. Per Voice-Over versorgt sie uns darüber hinaus mit kleinen Weisheiten („Wilde Tiere kennen keine Gnade.“).


In "Beasts of the Southern Wild" ist viel drin, das funktionieren kann, viel, das schiefgehen kann und leider sehr viel, das schiefgegangen ist. Und ich glaube, dass irgendwo in dem Sumpf aus Themen und Bilder ein Film ums Überlben paddelt, der gerettet werden könnte, wenn man in an Land zöge, abtrocknen würde und ihm dann vielleicht noch eine nette Tasse Tee reichen würde (die Metapher ist mir jetzt irgendwie entglitten). Beispielsweise könnte er sich auf die Gemeinschaft konzentrieren, die stur und unbezwingbar in einer Gegend leben möchte, in der sie nicht leben kann, erzählt durch die Augen eines Mädchens, für das diese ärmliche Welt auf dem Wasser normal und unsere trockene, saubere Zivilisation fremd und furchterregend ist. Wenn die Erzählung dann und wann ins Surreale kippen würde, dank der Phantasie des Mädchens, wäre das ein Bonus. Das wäre zwar noch keine Geschichte, aber eine Idee, von der aus man was entwickeln könnte.


Das Problem: Der Regisseur fängt nicht mit der Geschichte an, sondern mit dem Symbolischen. Das sind die Titelgebenden Beasts, offiziell Auerochsen, tatsächlich große Wildschweine. Sie trampeln herum, fressen sich mal gegenseitig auf oder trotten auch einfach friedlich davon. Jaja, sie sehen gut aus (wenn wir das Budget des Indie-Films bedenken) – aber sie fügen der Geschichte nichts hinzu. Sie nehmen Platz weg (wie das bei Schweinen manchmal passiert), ohne letzten Endes Futter zu liefern (wofür sonst hat man Schweine?). Andere symbolistische Grundeleien nach dem Sinn des Lebens drehen sich um den Herzschlag, den das Mädchen bei jedem Lebewesen abhört – einmal sogar bei einer Krabbe, der sie an der Brust lauscht. Biologisch gesehen etwas gewagt, doch die Tonspur versorgt uns gleich mit einem beruhigenden Bummbumm. Weil ja schließlich alles mit allem zusammenhängt und so. Oder so.

„Beasts of the Southern Wild“ ist nicht tiefsinnig, sondern tut nur so. Die Bilder sind sehr schön: Körnig, große Helligkeitsunterscheide für den dokumentarischen Stil und vor allem ein gutes Auge für spannende Gesichter. Dazu gibt es aufbauende Musik, Sätze, die so klingen, als könnten sie etwas bedeuten und eben symbolistische Riesenschweine. Schade um die schönen Bilder.

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