113 Minuten ist der Film lang, erfreulich kurz also für eine Biographie, die sich gern an die zwei Stunden heranknuspert und auch einer der Gründe, weswegen ich doch in „Hannah Arendt“ gegangen bin, als in die anderen, die alle so verdammt lange dauern. Ein merkwürdiger Trend zur wagnerianischen Länge ist das aktuell. Hätte vor zehn Jahren sich ein Produzent bereit gefunden, eine Comicverfilmng zu finanzieren, die über zwei Stunden geht? Aber jetzt endlich mal zu "Hannah Arendt". Der Film greift sich ein paar Jahre aus dem Leben der Politologin heraus: Die, in denen sie über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel berichtete. „Die Banalität des Bösen“, diese Bezeichnung haben wir Arendt zu verdanken. Sie prägte ihn, um diesen geistlosen Bürokraten zu beschreiben, als der sich Eichmann ihren Meinung nach im Prozess erwies. Eichmann war der Logistiker hinter dem Holocaust, seine Abteilung sorgte dafür, dass die Deportationen nach Fahrplan liefen. Eine juristische Schuld an den Morden, auf die seine Verwaltungsakte ausgerichtet waren, sah er nicht.
Die Hinternprobe
113 Minuten hitzige Debatten über philosophische und politische Grundfragen. Dabei und dazwischen wird geraucht, inbrünstig. Die ganze Seele scheint manchmal in einem Zigarettenzug zu liegen (liegen zur Zeit so viele Filme in den 60ern, weil man da noch Leute paffen lassen kann?). Der Film ist also ein Kandidat für die Harry-Cohen-Probe: Harry „the Crud“ Cohen, Produzent und Mitbegründer des Studio Columbia ließ – so berichtet zumindest Frank Capra in seiner Autobiographie – seinen Hintern das ästhetische Urteil über einen Film fällen. Spürte er ihn den ganzen Film über nicht, war's ein guter. Tatsächlich: 113 Minuten Debatten und ich habe kein einziges Mal mit dem Hintern gewetzt. Weniger po-etisch ausgerückt: Der Film ist spannend.
Überzeugend ist Hauptdarstellerin Barbara Sukowa (die mich mehr und mehr an Captain Janeway erinnert). Sie findet für ihre Arendt einen glaubwürdigen Weg, eine vielschichtige Figur darzustellen, ohne dass irgendeine andere Figur laut erklären muss, dass sie vielschichtig ist. Ihr Sprachduktus, ihre Körperhaltung reichen schon, dass wir sie kennenlernen wollen. Wenn ich die Leseprobe von „The Origins of Totalitarism“, die ich mir auf meinen E-Reader geladen habe, lese, höre ich im Geiste Sukowas Stimme. Überzeugend war sie also. An ihrer Seite gibt Alex Milberg ihren sanften Lebensgefährten, der für uns die Fragen stellen darf, die wir Zuschauer haben. Hübsch ist Julia Jentsch als Ahrendts ergebene Assistentin, wenn sie auch kaum mehr als Deko ist.
Biopgraphie ohne Biographisches
Eichmann selbst tritt nur über Archivmaterial aus dem Prozess auf. Es gibt tatsächlich nur eine Spielszene im Gerichtssaal, wohl um Ahrendts Anwesenheit einzuführen. Ansonsten sehen wir die Fernsehübertragung, die Ahrendt im Arbeitsraum der Pressevertreter ansieht. Wie ein Kommentar zu diesen Aufzeichnungen funktionieren dann Ahrendts Szenen. Wohl eine gute Idee: Gespenstisch wirkt Eichmann in diesen Aufnahmen und allen Spielszenen hätte man wohl vorgeworfen, zu übertreiben. A propos Übertreiben: Der Film ist nicht humorlos. Heideggers Vorlesungen über das Den-Ken (so ausgesprochen), kurz in einem Flashback zu sehen, bietet eine schöne Erholung zu dem ganzen Bösen. Ein gutes Gefühl für Sprache und Akzente (gerade die Art, wie die Deutschen Englisch sprechen) ist eines der guten Seiten des klugen Buchs von Margarethe von Trotta und Pam Katz.
Es ist allein schon deswegen klug, weil es den Fehler nicht macht, den viele biographische Filme machen: „Hannah Arendt“ versucht nicht, das ganze Leben der historischen Person zu zeigen, sondern konzentriert sich nur auf einen kleinen Ausschnitt. Und auch die Handlungen in diesem Ausschnitt werden nicht durch die Biographie zu erklären versucht. Man kann eine Person sowieso nie restlos erklären und dennoch machen Filmbiographien immer den Fehler, eine bestimmten Lebensabschnitt als das Ende einer logischen kette von Entscheidungen aus dem bis dahin laufenden Leben darstellen zu wollen. Wie gesagt, von Trotta nich, und darum funktioniert „Hannah Arendt“.
Jetzt wird's allerdings mal wieder Zeit für leichtere Kost. "Frankenweenie" ich komme! Auch erfreulich kurz, der Film.
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