Donnerstag, 28. Februar 2013

Twilight - Woher der Hass?


Vergessen wir nicht einen der großen Gewinner des letzten Wochenendes! Einen Tag vor den Oscars wurden nämlich die Razzies vergeben, die Preise für die schlechtesten Filme der Welt. Und endlich wurde Kirsten Stewart nicht von Adam Sandler in Drags geschlagen, sondern als schlechteste Schauspielerin geehrt. Endlich bekam ein Twilight-Film die himbeerförmige Statuette, das Ensemble wurde zum fürchterlichsten des Jahres gekürt und auch der Regisseur ward nicht übersehen. Was für ein krönender Abschluss für die fünfteilige Filmreihe. Ach, es ist so schön, Twilight zu hassen! Warum eigentlich?





Der perfekte Mann ist ein reinlicher Vampir


"Twilight", für all die Glücklichen, die unter einem schalldichten und vor allem kreischresistenten Felsen leben, ist eine extrem erfolgreiche Roman- und Filmserie: eine Teenagerin, Bella, verliebt sich in einen Vampir, Edward. Und ... Ja. Das ist es. Vier Romane plus ein Spin-Off gibt es. Fünf Filme. Merchandising und Devotionalien, darunter sogar Sexspielzeug wie den funkelnden (und hoffentlich eiskalten) Vampirdildo. "Twilight" richtet sich primär an weibliche Teenager, doch zählen sich auch erwachsene Fans, darunter viele mittelalten Mütter - Twimoms - zu den Fans, den "Twihards". Die jungen Fans sind meist blass, die älteren etwas teigig und zusammen haben sie die Fähigkeit, ein infernalisch lautes und hohes Kreischen anzustimmen, sobald drei oder mehr in Bella und Edwards Namen versammelt sind.

Edward bezeichnet sich selbst als Vampir, und das bedeutet im Universum der Autorin Stephenie Meyer: Er sieht aus wie ein Model. Erklärt damit, dass er als perfekter Menschenjäger so die Menschen einlullen kann. Daher hat er auch einen wohlduftenden Atem, perfekte Schreibschrift und kauft Markenklamotten. Diejenigen ohne Geschmack, die trotzdem vor ihm davonrennen fängt er mit seinen anderen Superkräften: er ist superschnell, sieht supergut, hört supergut und kann sogar von einem Auto angefahren werden, ohne dass ihm was passiert. Und er funkelt im Sonnenlicht. Außerdem trinkt er keine Menschen aus, sondern nur Tiere, aber ach! - es ist so eine Pein, ständig den Hunger auf Menschen niederzuringen. Also eigentlich ist er ein Elf mit Essstörung.

Öde Ich-Erzählung, blutleere Schauspielerei


Das Buch ist aus Ich-Perspektive von Bella beschrieben, die zwei Dinge sehr gut kann: Sich beklagen. Über ihren Vater (der ihr - oh Graus - ein Auto gekauft hat), über die Stadt, in die sie zieht (da ist alles so grün, deprimierend), über ihre Schule (es gibt Zimmerpflanzen im Sekretariat, iiiih) und über ihre Mitschüler, die nett zu ihr sind (die Schufte). Und nein, das ist nicht komisch gemeint, keine geschickte Satire über die Lächerlichkeit von Selbstsucht, sondern ernst. Der Film will uns das auch nicht vorenthalten und gibt uns deswegen ein Voice-Over, das Hauptdarstellerin Kristen Stewart in einer Art Halb-Zombie-Modus vorliest. Ein Modus, der sehr gut zu ihrem restlichen Spiel passt: Den Mund meist halbgeöffnet, die Augen tot in die Ferne starrend. Das Zweite, dass Bella gut kann: Handlungen beschreiben, die nichts mit der Story zu tun haben. Zum Beispiel, dass sie Steaks mariniert (sehr oft in dem ersten Buch). Darum ist die ganze Geschichte so lang.

Die Figurenzeichnung ist schwach. Das geben sogar die Fans zu, die Bella gar nicht mal so sehr mögen. Keiner mag sie. Aber man will sie sein, denn man will den heißen Hengst von einem Vampir, den Autozerknüllenden, zarte Klavierstücke komponierenden, nicht bekocht werden müssenden, adleräugigen, scharfhörenden, stets besorgten und stets überlegenen Edward "Chuckles" Cullen. Ich kenne Rüben mit reicherer Persönlichkeit. Klingt alles ziemlich schrottig, ist es auch, aber wieso gibt es so eine große Gemeinde an kreativen Twilight-Hassern? Jeder mokiert sich drüber mit Verve. "How it Should Have Ended schreibt die Geschichte um, Rebellous Pixels lässt Edward von Buffy erledigen, Sofie Lief holt den Porn Critic zur Unterstützung, selbst der der Serie eher verzeihend gegenüber stehende Doug Walker verlor beim vierten Teil die Geduld mit dem Ding und peitschte darauf ein. Die Leute von Screenjunkies haben mit ihren "Honest Trailers" auch großen Spaß an "Twilight". Rifftrax sammelte innerhalb von drei Tagen auf Kickstarter die doppelte Menge Startkapital, um mit einem Twilight-Riffing auf Tour zu gehen. Andere schreiben seitenweise detaillierte Sporkings, die den text Buchstabe für Buchstabe auseinandernehmen wie Das Sporking oder Cleolinda.

“John Carter“ vs „Twilight“


Ist "Twilight" vielleicht das Schlimmste, was Literatur und Film je widerfahren ist? Gibt es vergleichbare Literatur? Klar. Nehmen wir "John Carter of Mars": Ein Text, bei dem die Erzählgeschwindigkeit zwischen elend langsam und blitzschnell hin- und herwechselt, in dem Figuren hurtig zur Story passende Eigenschaften erfunden bekommen, die dann wieder vergessen sind, wenn sie nicht ins Konzept passen. Eine Welt, in der alle Krieger, alle stolz und ehrenhaft und vor allem verdammt sexy sind. Und ein Text, der wenigstens im ersten Buch mal kurz Pause von der Handlung macht, um ein Hohenlied auf den Nudismus zu singen. Ein Text, in der die Hauptfigur John Carter einfach nichts falsch machen kann. Alles, was John Carter anpackt, gelingt. Jeder, der nicht einer Meinung mit John Carter ist, liegt falsch. Nicht nur das, er ist auch meistens böööse.


Nur: Der Text ist von 1912. Es ist ein wenig erschreckend, dass dieses "John Carter für Mädchen" auf dem stilistischen Stand eines Groschenromans von vor hundert Jahren ist. Schlimmer noch: An diesen Text nicht heranreicht, den "John Carter" zu lesen macht Spaß, weil er sich selbst nicht so ganz ernst nimmt. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass Autor Edward Rice-Burroughs über seine in Fortsetzungen in Zeitungen erscheinende Wegwerflektüre so aufgeblasene Interviews gegeben hätte, wie Stephenie Meyer zu ihrer Romanserie. Der Text macht Spaß, weil er nicht mehr sein will, als ein Groschenroman. Und auch der Film, der 2012 in die Kinos kam, ist ein liebevoll gemachter, unterhaltsamer Blödsinn, der mehr Liebe verdient hätte, als er an der Kinokasse bekam (was aber daran liegt, dass man bei dem über zweistündigen Schinken erst durch eine zwanzigminütige Exposition hindurch muss).

Leb wohl, “Twilight“


Was an "Twilight" ärgert, ist nicht, dass es schlecht ist, sondern dass viele es so gut finden. Es ärgert, dass im 21. Jahrhundert das Finden eines Mannes, der eine Frau alle Sorgen abnimmt immer noch als das größte Glück dargestellt wird. Es ärgert, dass ein so schlecht geschriebener Text erfolgreiche Literatur ist und dass so unterirdische Schauspielleistungen auf Beifall stoßen. Allerdings: Die meisten Actionfilme haben auch nur papierdünne Charaktere und propagieren sehr merkwürdige Männer- und Frauenbilder. An die haben wir uns erstens gewöhnt, zweitens werden sie oft ironisiert, dritten nicht als große Kunst dargestellt und viertens wissen wir, dass sie kein Zeichen für den Untergang des Abendlandes sind. Wenn wir uns anschauen, wie Bruce Willis von Gebäuden springt und Menschen dutzendweise tötet, ist das reiner Eskapismus, reiner Spaß an der Choreographie, reines Vergnügen an einer einfachen Welt, in der man unsympathische Leute konsequenzlos abservieren darf. An "Twilight" dagegen sind wir nicht gewöhnt, an uns nagt die Furcht, dass die Zuschauer und Leser den als Literatur bzw. Film verkauften Glibber ernst nehmen könnten. Und darum macht es so ungeheuren Spaß, sich über "Twilight" aufzuregen. Schade, dass das nun vorbei ist.

PS: Cinema Sins hat seit Kurzem eine Sündenliste zu "Twilight" hochgeladen.

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