Sonntag, 3. Februar 2013

Das Dritte Zeitalter der Filme zum Dritten Reichs - J. Michael Straczynski Regie bei "The Flickering Light"

Der Erfinder der Sci-Fi-Oper "Babylon 5" führt Regie bei seinem ersten Spielfilm. Dreharbeiten zu "The Flickering Light" beginnen im November. Gedreht wird unter anderem in Berlin Babelsberg. Es geht um eine Riefenstahlproduktion, bei der die Regisseurin sich aus dem KZ an die hundert Sinti und Roma als Schauspieler anliefern ließ. Dieser Wahnwitz ist wirklich passiert - und möglicherweise ist es nur mehr möglich, das Dritte Reich in so surreal anmutenden Geschichten darzustellen.


Ein schlimmer Fall von humanistischer Bildung


"It was the dawn of the third age of mankind ...", begann der Eröffnungsmonlog der erstes Staffel von "Babylon 5", der besten Science-Fiction-Serie, die nie ein Mensch gesehen hat. Das Problem an der Serie: Über fünf Staffeln hinweg erzählte sie eine durchgehende Geschichte mit einem ganzen Arsenal an Figuren, von denen jede irgendwo mal über ihre wahren Intentionen log. Heißt: Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem keiner neu in die Serie einsteigen konnte und nur mehr die Fans übrigblieben. In Deutschland hieß das: einer pro Landkreis. Der Erfinder der Serie und seines vom Network noch in der ersten Staffel gemordeten Ablegers "Crusade" war J. Michael Straczynski. Psycholgie hat der gute Mann studiert, außerdem Soziologie, Literatur und Philosophie. Ein ganz übler Fall von humanistischer Bildung, die er hemmungslos einsetzt: Masenpaniken, geheime Ängste, mit diesen Dingen kommt er immer sehr glaubhaft ums Eck. So schriebt er beispielsweise das Drehbuch zu Clint Eastwoods "Changeling" (auf Deutsch "Der fremde Sohn"). Darin präsentiert die Polizei stolz einer Mutter, deren Sohn entführt wurde, ein vollkommen fremdes Kind, weigert sich weiterzusuchen und lässt sie einweisen, als sie darauf besteht, dass das fremde Kind nicht das ihre sei. Da spannte er alle Erwachsenenängste in einen schönen Rahmen ein und spielte auf ihnen, wie auf einer Harfe. Nach der enttäuschenden Erfahrung mit "Crusade" machte er die Comicwelt unsicher und schrieb eine ganze Reihe von Spider-Man-Geschichten. Am Film "Thor" schrieb er übrigens auch mit. Und jetzt Nazis.

Schauspieler aus dem KZ



"The Flickering Light" ist die Geschichte eines Films, gedreht im Dritten Reich. Des Films "Tiefland" von Hitlers Lieblingsregisseurin (ach ja, Verzeihung: Spielleiterin, ach ja, Verzeihung: Leni hat ja nie was mit der Naziideologie am Hut gehabt, gelt, wie sie später behauptete, also doch: Regisseurin). Gedreht wurde von 1940 bis 1944. Dieses lästige Bombardement, das ihr Auftraggeber auf sich gezogen hatte, zog die Arbeiten wohl etwas in die Länge. Der Tonschnitt musste 1944 dann schon in Kitzbühl gemacht werden, wegen des ständig schlechten Wetters in Berlin. Ich habe ihn nicht gesehen, aber er muss wohl ein ziemlich langweiliger, pathetischer Schinken sein, wenn man dem Internationalen Lexikon für Film folgt: Arme Bauern in Spanien werden von einem bösen Gutsbesitzer drangsaliert (hätten sie, ideologisch korrekt, nicht froh sein sollen, straff geführt zu werden?).


Interessanter ist, dass Riefenstahl für ihren hyperrealistischen Stil unbedingt spanisch aussehende Schauspieler (und bitte massenweise davon) haben wollte. Nur waren keine so schnell greifbar, und da man mit Franco-Spanien alliiert war, konnte man auch nicht einfach rüber und ein paar rauben. Stattdessen bediente sich die Produktion an den Insassen von "Zigeuner-Lagern", also KZs, in denen Sinti und Roma umgebracht wurden. Aus dem Lager Maxglan wurden Roma, aus Berlin-Marzahn Rastplatz Sinti zwangsrekrutiert. Und als der Film 1953 zur Uraufführung kam, gab es tatsächlich ein paar wenige Überlebende des Zigeunerlagers Auschwitz, in das sie nach Abschluss des Drehs gebracht wurden, die sich den Film anschauen konnten.

Surreales Naziland


Straczynski schrieb das Drehbuch über "eines der surrealsten und am wenigsten bekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs" (so zitiert ihn "Variety") selbst. Der Film wird 1942 spielen und sich auf die Zwangsschauspieler aus dem Lager Marzahn konzentrieren: In der Früh werden sie aus dem Lager ans Set gebracht, dort gewaschen, mit tollem Essen versorgt und dann in genau gearbeitete historische Kostüme gesteckt (auf den Realismus der Kostüme legte die Spielleiterin viel Wert). Am Ende des Dreh-Tages ging's zurück ins KZ. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Zu "Tiefland" gibt es eine Doku aus dem Jahr 1982 von Nina Gladitz mit dem etwas unklaren Titel "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit", gegen die Riefenstahl seinerzeit klagte - sie scheiterte allerdings bis auf einen Punkt vor Gericht.

Wie sich Straczynski als Regisseur schlagen wird, kann ich schlecht sagen. Es gibt ein paar Folgen der Serie, die unter seiner Regie entstanden sind, aber das ist wenig aussagekräftig. Spannender ist der Stoff. Denn je weiter das Dritte Reich in die Ferne rückt, desto schwieriger scheint es, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist zu groß, zu irrsinnig. Ein opernhafter Faschismus, dem an Selbstdarstellung genausoviel gelegen war wie am Krieg, ein zum Teil lächerlich aufgeblasener Apparat, der aber mit Akkuratesse Millionen von Menschen zuerst ausquetschte und dann tötete, weil sie in dessen Ideologie gar keine Menschen waren. Es ist schwierig, sein Hirn um so etwas herumzuwickeln. Dauerdokus über Hitler helfen da wenig, sie übersättigen einen nur mit dem Gefühl, eh schon informiert zu sein. Und Filme? Nazis sind im Film und Fernsehen eher eine Trope geworden, wenn man mal schnelle "Böse" sagen will, ohne das Böse näher charakterisieren zu wollen. Darum so peinliche Geschichten wie Außerirdische in Nazi-Uniformen bei "Star Trek: Voyager". Und Adolf? Hitler ist mittlerweile eine Schießbudenfigur, man denke an das jüngste Buch "Er ist wieder da". Eine Geschichte, die zeigt, wie normal Wahnsinn sein kann, ist da zeitgemäßer. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf JMS' erste Regiearbeit.

2 Kommentare:

  1. vielleicht, verehrter Herr Haldenmair, hätten Sie in ihrem Artikel noch erwähnen sollen, dass der Plot des von Kapczynskies geplanten Filmes nicht die Ausbeutung der Sinti und Roma durch Riefenstahl ist, sondern eine Liebesschnulze zwischen zwei Komparsen....viel Vergnügen...mich schüttelt es.

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  2. So, wie Sie es beschreiben, schüttelt es mich auch. Haben Sie das Drehbuch gelesen? Als ich den Eintrag schrieb, hatte ich wenig konkrete Informationen. Es hat allerdings Filmtradition, zu versuchen, den Holocaust vor den Hintergrund einer perönlichenFamilien- und/oder Liebesgeschichte darzustellen (was allerdings auch so seine Probleme hat). Vielleicht versucht Starzcynski einfach nur das?

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