Montag, 8. Juli 2013

Wo sich Tarantino und Disney ähneln

Was für eine Überschrift. Es ist nur eine Frag der Zeit, dass ich von Samuel Motherf***ing Jackson niedergeschossen werde („Say Disney again! I dare you, I double-dare you!“). Nein? Auch keine heimtückisch kichernde Maus in Sicht (die war mir immer suspekt). Nun also denn noch einmal: Disney-Filme und Tarantino-Filme ähneln sich: Sie verwursten bestehende Geschichten zu einem so starken Ergebnis, das das Original in Vergessenheit geraten lässt. Schauen wir uns doch mal das Dschungelbuch an:



"Probier's nicht ohne Gemütlichkeit ..."

„Was machen die mit meinem Dschungelbuch?!“, so ärgerte ich mich maßlos, als ich eine Version sah (war's diese merkwürdige Anime-Reihe oder die Realverfilmung von 1994? Ich weiß es nicht mehr. Der Ausschnitt oben ist von einer russischen Adaption aus den 70ern, namens "Die Abenteuer des Mowgli" - Маугли - ), in der Kaa ein Verbündeter Mowglis (den ich nur als „Mogli“) kannte war und der Bär kein einziges Mal sang. Wie kann man nur die Geschichte so verhunzen? Überhaupt: Erstmal von Disney klauen und dann auch noch schlecht. Buh! Tja, mein liebes zwölfjähriges Selbst: Verhunzt hat eigentlich Disney. Kiplings Dschungelbücher sind im Original düsterer und vielschichtiger. Allein die Vorstellung, der weise und etwa grantige Lehrer Baloo könnte singen und tanzen ist grotesk. Die Art, wie Figuren umgemodelt werden ist gegenüber der Vorlage schon fast gewalttätig bösartig. Das Ergebnis: Ein Klassiker des Animationsfilm. Einen, den ich immer lieben werde. Einer, der so viel besser funktioniert, als eine getreue Verfilmung der Vorlage. Ein Film, der stärker haften bleibt, als die Vorlage, der sie in unserem kulturellen Gedächtnis überschreibt. Das Dschungelbuch, das war doch schon immer diese Geschichte über den kleinen, spindeldürren Mogli im bunten Dschungel mit seinen singenden Tierfreunden.

Happy Ends en gros

Im Hause Disney arbeiten professionelle Geschichtenerzähler. Sie Erfahrung und das Gefühl, wie ein Stoff möglichst massentauglich umgebaut werden kann. Zimperlich sind sie bei der Umsetzung nicht. Die kleine Meerjungfrau bekommt ein Happy End genauso wie der Glöckner von Notre Dame, alles andere wäre doch schade. Pocahontas wird um Jahre gealtert, damit die angebliche Liebesgeschichte zwischen ihr und dem weißen Siedler Smith nicht zu pädophil wird (historisch verbürgt ist, dass sie ihn vor einem Todesurteil rettete – da war sie zwölf). Disney ist deswegen auch Ziel von Spott und Kritik. Klar: Zuckersüße, von allem Schrecken gereinigte Märchen nehmen den kindlichen Zuschauer nicht ernst, starkes Ummodeln lässt den Respekt vor dem Autor vermissen und historische Fakten komplett Banane sein zu lassen ist Geschichtsverfälschung.

Ninjas, Nazis, N*ggers

Quentin Tarantino hat Narrenfreiheit. Selbst wenn er etwas schlecht macht, weiß jeder: Das macht er absichtlich und spielt damit ganz klar auf eine verhunzte Szene in einem obskuren B-Movie an, von dem ihr sicher noch nie gehört habt (Suckers!). Genres, Musik, Geschichte – alles ist für ihn ein großer Wühltisch für matériel. Er, der weiße Junge, darf sogar Blacksploitation machen (im wunderbaren „Jackie Brown“). Na, und die Filme sind auch gut. Meistens. Nur … Es ist schon manchmal sehr disneyhaft, was er sich alles erlauben kann, womit er alles durchkommt. Ob nun toll aussehnede Schwertkämpfe in „Kill Bill“, bei denen ziemlich schnell ziemlich klar ist, dass er nicht wirklich versteht, was ein chinesisches von einem japanischen Schwert unterscheidet und weswegen sie unterschiedlich geführt werden. Oder tja: Holocaust und Sklaverei. „Django Unchained“ ist ein sehr unterhaltsamer Film – wenn er auch mit kürzerer Laufzeit ebenso unterhaltsam sein hätte können – aber mir ging es so, dass ich mit einem leicht schlechten Gewissen mich unterhalten ließ. Sehr düstere, sehr echte Ereignisse der Geschichte sind hier eine Ausrede, einen zugegeben verdammt coolen, überbordenden Film zu machen, mit der von uns so geliebten total übertriebenen Gewalt. Nichts gegen total übertriebene Gewalt natürlich. Doch stört mich diese Unbekümmertheit, mit der eine Geschichte, die ihre eigenes Leben hat, kannibalisiert wird – selbst wenn das Ergebnis ein guter Film ist. Daher mein Wunsch an Disney wie an Tarantino: Bei aller Liebe zu singenden Bären und all around coolness – schaut ein bisschen hin, was ihr da durch den Wolf dreht.

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