Sonntag, 28. Juli 2013

Only God Forgives - Critcis won't

Blut, Blut, Blut – das forderte die eine oder andere Kritik an „Only God Forgives“. Mehr Blut auf dem Schirm (aber bitte sinnvoll und moralisch vertretbar vergossen) und das des Filmemachers Nicolas Winding Refn (dafür, dass er das Blut so sinnlos vergießen lässt – und dann auch noch so wenig). Andere preisen ihn als Meisterwerk. So weit würde ich nicht gehen, aber man muss nicht Gott sein, um die Fehler des Films zu vergeben (und auch nicht so blutdürstig wie er, nur ein kleines bisschen). Als erstes ein Blick auf den Trailer, und zwar auf den richtigen. Nicht den, der in den Kinos läuft:


Unsympathische Typen sterben in Thailand

Vielleicht hat jemand den anderen Trailer schon gesehen. Der ist als Trailer natürlich besser, weil der Action, hohen Blutdruck und vielleicht auch ein bisschen Machsimo verspricht. Was alles „Only God Forgives“ nicht ist. Der Trailer lügt. Er ist nichtmal wie „Drive“, der Film, den die meisten von Refn kennen und lieben. Anders als bei „Drive“ schrieb hier Refn auch das Drehbuch – und es zeigt sich, dass der Mann bei seinen Geschichten einen anderen Rhythmus anlegt:

Die Geschichte also … Julian (Ryan Gosling) hilft seinem Bruder beim Betriebt eines Muay-Thai-Boxstalls. Sein Bruder wird ermordet. Julian macht den Mörder ausfindig, lässt ihn aber laufen, nachdem er erfährt, dass er der Vater einer 16-jährigen Prostituierten ist, das von Julians Bruder ermordert wurde. An den Tatort geführt hatte ihn Polizist Chang (Vithaya Pansringarm), der ihm nach vollzogener Rache die Hand abhackte als Strafe dafür, dass er seine Tochter nicht besser beschützte. Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas), gerade in Bangkok angekommen, will ihre Rache und zieht so die Aufmerksamkeit des seine spezielle Sorte Gerechtigkeit (Marke Machete) austeilenden Changs auf sich. Ich könnte die Geschichte aber auch aus der Perspektive Changs erzählen, denn der ist zwar seltener auf der Leinwand zu sehen als Julian, aber über ihn erfahren wir ein par Dinge, während Julian undurchschaubar und auch ziemlich unsympathisch bleibt.


Undurschaubar, aber nicht platt

Es ist nicht leicht, „Only God Forgives“ zu schauen, denn die Figur, der wir folgen, Julian, sehen wir nur auf Distanz. Wir müssen ihn knacken wollen. So sehen wir, dass er wohl nur auf stoisch und stark tut, ohne es wirklich zu sein. Dass er eine Kampfschule betreibt, ohne was davon zu verstehen, sehen wir beispielsweise bei einem Kampf mit Chang. Dass er gar nicht so abgeklärt und zen-artig gelassen ist wie Chang, sehen wir, als er einen ziemlich kindischen Wutanfall mit sehr erwachsener Kraft an seiner Escort-Dame auslässt. Julian ist schon mehr als nur ein Pappaufsteller mit schicker Weste und dem Gesicht von Ryan Gosling, er ist aber eigentlich auch keine Hauptfigur. Die scheint eher Chang zu sein, dieser mysteriöse Kerl, über dessen unglaublich entspanntem Gesicht Emotionen so selten und dann so schnell huschen, dss wir nicht sicher sind, ob wir sie wirklich gesehen haben. Chang, der nur hinter seinen Rücken greifen muss, um eine Machete in der Hand zu haben, die mit hörbarer Schärfe (klinnnnnnnng) gezogen wird. Das ultrascharfe Teil scheint die ganze Zeit in seinem Scrank zu stehen und per Dimensionsloch in seine Hand zu springen. Chang könnte jender Gott aus dem Titel sein, dessen Gericht sich die anderen Figuren mehr oder weniger widerstandslos, mache sogar scheinbar sehnend ergeben. Vielleicht hat er auch deswegen als einziger ein echtes Familienleben: Wenn Gott menschlich ist, müssen die anderen Figuren irgendwie unter-menschlich dargestellt werden. Das macht halt die anderen Figuren eher abstoßend.

Und jetzt nochmal ohne Feuilleton

Um das feuilletonistische Geschwurbel etwas zu reduzieren: „Only God Forgives“ ist kein Actionstreifen. Die Figuren sind entweder unsympathisch oder einfach nur rätselhaft. Der Grund, weswegen so wenige diesem Film verzeihen dürfte aber ein anderer sein: Die Gewalt hat keinen Sinn. Gewalt ist im Film gerechtfertigt. Und wenn sie noch so negativ belegt ist, noch so kritisch gezeigt wird, noch so sehr verteufelt wird – mit ihr kriegt man Dinge gebacken. Sie ist nicht einfach nur da. Eine Figur setzt sie zu einem bestimmten Zweck ein. Ist es eine negative Figur wird sie und ihre Gewalt hoffentlich überwunden. Eine positive Figur kommt damit an ihre Ziel. Bei „Only God Forgives“ sind alle Figuren gewalttätig. Julian hat merkwürdige Fantasien, Chang hackt Delinquenten in Stücke oder blendet sie, Julians Mutter manipuliert ihren Sohn ziemlich grausam mit Worten und ansonsten gibt es wohl nur Banditen in Bangkok. Die Gewalt führt aber zu keinem Ziel. Sie ist da, sie ist übermächtig, sie ist faszinierend, sie ist erschreckend. Sie gibt uns nur keine Rechtfertigung, sie zu genießen. Das ist eine Gemeinheit, mit der wir Fimzuschauer erst zurechtkommen müssen. Das ist meiner Meinung nach der Teil, der den Film zum Meisterstücke machen könnte. Er erinnert in seiner Kompromisslosigkeit an manche Filme von Kitano, wie dem – ebenfalls von den Kritikern vernichteten „Outrage“.

Ein wirkliches Meisterwerk ist er wohl auch nicht, denn er überteribt es etwas mit der Stilisierung. Farben, geometrische Formen, Lichter und Schatten: Alles ist genau inszeniert. Jede Figur hat ihr eigene Farbpalette (Julians ist in Blautönen, Cristals in Gelbtönen, sein Bruder war in Rot – der Rächer seines Bruders ebenfalls. Nur Changs Kostüm ist Schwarz und Weiß. Die Musik (von Suuns) unterstützt mit Brummen und Surren die alptraumhafte Atmosphäre – wenn Chang nicht grade vor bewegungslos aufgereihten Polizisten, die unter geometrisch angeordneten Lampions sitzen in einem Karaoke-Club mit schmelzender Stimme thailändische Liebesballaden singt. Jeder Korridor scheint sich endlos in die Tiefe zu stürzen, jeder halbdunkle Raum erinnert dank Gitterschatten gleich an einen Beichtstuhl. Die Form, so faszinierend sie ist, reißt die ganze Aufmerksamkeit an sich und im letzten Drittel nehmen Symbolismus (Julians Faszination mit seinen Händen und seine seltsame Visionen) etwas überhand. Das Ende lässt daher eher kalt.

Urteil: Hingehen, aber nichts erwarten

Wichtigste Frage: Ärgert man sich, an der Kinokasse Geld dafür ausgegen zu haben? Ich zumindest habe mich nicht geärgert – ich habe allerdings auch keinen Sesselkraller von einem Actionfilm erwartet. Wer „Only God Forgives“ sieht, den werden ein paar Szenen wahrscheinlich nach Hause begleiten und der wird wohl auch ein paar Mal über den allmächtigen Chang nachdenken (ich denke gerade darüber nach, eine ihm gewidmete Kirche zu gründen). Er wird wahrscheinlich aber auch von den Figuren, mit denen er die meiste Zeit verbringt eher abgestoßen sein (wie wahrscheinlich Chang auch) und er wird die Gewalt nicht ohne Gewissensbisse genießen können. Einen Besuch allerdings ist dieses seltsame Ding wert – und wenn man nur gerne thailändische Liebesballaden hört.

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