Mittwoch, 8. Januar 2014

Der Untergang Hollywoods fällt aus. Oder doch nicht?

Mitte des Jahres 2013 sagte Steven Spielberg voraus, Hollywood werde implodieren. George Lucas stimmte ihm wenig später zu - und bald hatten wir Mitte Juni bis Mitte Juli eine hübsche Debatte in Forbes, Slate und Hollywood Reporter, ob sie nun Recht hätten oder nicht. Hollywood steht zwar noch, aber so ganz restlos glücklich dürften man dort Ende 2013 auch nicht gewesen sein. Das große klingelnde und bimmelnde Spaßkino läuft zwar nicht Gefahr, sich selbst beim Feuerwerkeln abzubrennen, aber ihm drohen die Füße einzuschlafen.


Die Grenzen der Hollywood-Formel

Filme kosten Geld. Bombastische Filme kosten bombastisch viel Geld. Budgets, die sich an die Viertel-Milliarde ranknabbern - das ist in etwa der Verteidigungshaushalt von Kamerun - sind nicht mehr so wahnsinnig jenseitig, dass Produzenten entsetzt ihre Zigarren ausspucken würden. Stattdessen fragen sie, ob man das mehr über den Kartenverkauf oder über das Merchandising wieder reinbekommt. Wenn nur viele und nicht sehr viele Millionen Dollar reinkommen, ist der Film ein Flop, kommen sehr viele, aber nicht sehr sehr viele rein, ist er okay. Erst bei sehr sehr vielen Millionen ist er ein Erfolg. Das Prinzip gilt schon seit Ewigkeiten, auch schon beim Theater (Bombast zieht Publikum, braucht aber wirklich viel Publikum, um abbezahlt zu werden). Es fällt nur auf, dass die Relationen in quasi-selbstmörderische Bereiche vorstoßen. Erfolgreiche Filme wie "The Hobbit" können schon mal eine knappe Milliarde umsetzen (hier sind wir schon beim Verteidigungshaushalt des Jemens oder Perus). Erfolglose wie "John Carter" gewaltige Löcher reißen (byebye Jemen, adios Peru). Wobei zu beachten ist: Auch die Erfolglosen bringen kleine Verteidigungshaushalte nach Hause (halt von Ländern wie Lettland, aber immerhin), nur decken die kaum die Kosten.

Einen Erfolg sollte der Film aslo bitteschön schon sein, denn anders als bei Verteidigungshaushalten fragen bei Filmen die Verantwortlichen tatsächlich, wo das Geld geblieben ist, auch wenn sie sich mit Antworten wie "CGI-Büffelherde) zufrieden geben. Also müssen Risiken reduziert werden. Risiken können dadurch reduziert werden, dass möglichst viele Faktoren gleich gehalten werden. Das führt zu einer gewissen Formelhaftigkeit der Filme. Nun ist auch das nichts Neues - und bewährte Erzählformen beizubehalten ist auch nichts schlechtes, denn schöner ist eine gut erzählte alte Geschichte als eine schlecht oder gar nicht erzählte neue. Kino ist immer Geschäft und die Filmkunst entsteht unter Einbeziehung geschäftlicher Überlegungen. Hollywood stößt nur gerade an die Grenze seiner Formel - und ist sich dessen noch nicht ganz bewusst.


Vorherbestimmte Gewöhnungseffekte

Bombast zieht Publikum. Bombast wird aber auch schnell vertraut. Eine neue Technik oder ein neuer Trick kann Anfangs ganz allein für sich begeistern, aber nach einer gewissen Gewöhnungsphase reichen sie allein nicht mehr, um das Publikum zu ziehen. Käme heute "Avatar" neu heraus, also nicht als erster Film mit digitalem 3D und realistisch animierten Augen, sondern als einer der vielen 3D-Filme, die zur Zeit laufen, er hätte es wahnsinnig schwer, so ein Erfolg zu werden, wie zu seinem Erscheinen. Joe Dante tappte 2009 mit "The Hole 3D" in diese Falle. Er wollte unbedingt den ersten Horrorfilm in 3D drehen, doch als er den fertig hatte, war das Publikum schon so daran gewöhnt, dass an jeder B-Produktion ein "3D" anghängt wurde, dass es zu Hause blieb (was übrigens bei dem Film schade ist).

Die aktuelle Antwort Hollywoods ist: Den Bombast zu steigern. Das heißt, dass in jedem Blockbuster mindestens dieser Planet auf dem Spiel steht. Nur eine Stadt zu retten, ein einzelnes Raumschiff oder einen einzelnen Menschen kommt nicht in Frage. Das Verhängnis hat gefälligst über der ganzen Welt zu hängen, sonst gilt es nicht. Das führt zu den "Trailermomenten", also kurze Blicke auf ein gewaltiges Zerstörungsfest, das uns das Wasser im Munde zusammen laufen lassen und uns gottverdammtnochmal in den Kinosaal treiben soll. Das Problem ist nur, dass man nun eine Story braucht, in der die Zerstörungsszene notwendig und beeindruckend wird und am besten noch eine emotionale Reaktion bei uns auslöst. Hier scheitern dann viele Filme. Beispiel wäre der aktuelle Superman, bei dem der Endkampf im dicht bevölkerten Metropolis stattfndet, obwohl den beiden der Rest der Erde und der Weltraum zur Verfügung gestanden hätte. Wolkenkratzer bröckeln, Autos drehen Pirouetten in der Luft, der Straßenbelag wird abgeschmirgelt, achja und wahrscheinlich sterben auch ziemlich viele Menschen (die leben doch in Städten, oder), aber irgendwie schafft die Szene nicht, zu packen. Sie ist bombastisch, aber auch leer. Trauer um die Stadt oder Furcht um ihre Bewohner stellt sich nicht ein. Warum auch? Sie ist schließlich nur da, um umgekegelt zu werden.


Ich will meinen Helden wieder!

Das "Ende der Welt"-Gedöns bringt eine merkwürdige Abweichung von Campbells Formel für Filme mit sich: Der Protagonist ist nicht mehr der Typ von nebenan, der wir auch sein könnten, er ist nicht mehr der "mittlere Held", wie ihn Aristoteles genannt hat, also ein Mensch der in Sachen Status und Tugendhaftigkeit nur leicht überdurchschnittlich sein darf. Aktuelle Protagonisten haben eine Bestimmung, die sie erfüllen müssen. Als Ausgleich sind sie dafür Außenseiter, die von sozial tapsig bis arschlöchig rangieren, bis ihnen irgendjemand sagt, dass sie der Einzige sind, der Vorbestimmte, der Auserwählte um eine bestimmte Sache zu erledigen (das hätte meine Mutter mal probieren können, um mich zum einkaufen zu schicken, vielleicht hätte es geklappt). Nicht mehr Obi Wan ist die letzte Hoffnung der Rebellen, nach dessen Tod der unerfahrene Luke einspringen muss, sondern es ist Luke selbst. Diese Konstruktion soll wohl die epicnesss der Geschichte so richtig durch das Dach schießen lassen - Das Schicksal unserer Erde liegt in der Hand eines unwilligen Auserwählten! - aber auf die Dauer wird das langweilig. Ein Held soll sich sein Schicksal schon gefälligst selbst erarbeiten können. Erst dann können wir richtig davon träumen, dieser Held zu sein.

 Eine weiteres Phänomen: Die Ästhetik ist ungeheuer einheitlich geworden. Wolkenkratzer fallen nun mal nur von oben nach unten, da kann man nicht viel machen. Da vor ein paar Jahren irgendjemand in der Chefetage mal irgendetwas über Komplementärfarben gelesen hat, sind Kieselgrün und warmorange nun die beliebtesten Farbtöne. Das hat nur den Nachteil, dass ich nach einiger Zeit nicht mehr so genau weiß, ob ich diese Szene in jenem Film gesehen habe oder jene Szene in diesem Film. Das ist ein Problem, denn so wird die Flüsterpropaganda, die eben auch Leute zur Kasse bringt etwas dadistisch ("da war so in dem Film, wo der eine von einem Magier ausgebildet wird, weil er die Welt retten will, nein Quatsch: Er war ein Außeriridischer und da kämpften die auf dem Wolkenkratzer oder war das doch Superman?").

Langer Rede kurzer Unsinn: 2013 gab es eine Menge Blockbuster, aber es fühlt sich so an, als hätte es nur einen gegeben, und das war nicht der Auserwählte. Also, liebes Hollywood: Ein bisschen mehr Mut für Variationen im Jahr 2014. Und gib uns den normalen Helden zurück, der einfach nur heldenhaft ist, weil das gerade das Richtige ist, nicht weil es die Bestimmung verlangt.




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