Schaum im Hirn
Monty Python haben den Sketch leider
nicht geschrieben. Wenn, dann hätten sie ihn in der Mitte durch den
Ritter mit dem Gummihuhn oder eine surreale Animation von Terry
Gilliam (übrigens: hat jemand diese herrliche Hommage an ihn bei Fringe gesehen?) abbrechen müssen. Geschrieben hat die Geschichte
die Realität, kein begummihuhnte Ritter bietet einen Notausstieg aus
der Farce. Das Leben geht weiter. Für ein viel zu junges Mädchen
nun an der Seite eines Dschihadisten, der nicht mal ihre Sprache
spricht und sie nicht die seine. „Timbuktu“ heißt der Film, der
diese und andere ähnliche Geschichten erzählt. Er spielt
während der Zeit, in der Kräfte des IS den Norden Malis unter
Kontrolle hatten, in der Umgebung der titelgebenden Stadt, die schon
so wunderbar fremdländisch klingt, dass ich als Kind tatsächlich
überrascht war, als ich sie auf einer Landkarte fand.
Fremd ist die
Stadt und das Land allen: Zum einen den Gotteskriegern, die sie und
es besetzen. Sie stammen aus Libyen, Niger oder auch den USA stammen
und unterhalten sich in einer Mischung aus maghrebinischem
Französisch oder mehr oder weniger schlechtem Arabisch (zumindest
beschwert sich der Westler immer über das schlechte Arabisch seiner
Kollegen). Zum anderen den Bewohnern, die ihren Alltag von Regeln
beherrscht sehen, die einer Logik folgen, die nur dem den Besatzern
vorstehenden Imam klar ist – und das auch nur, weil er selbst keine
große Leuchte ist. Spannend an „Timbuktu“: Der Film verweigert
jedes Urteil. Wir bekommen keinen blutrünstigen Gotteskrieger zu
sehen, keinen Hassprediger mit Schaum vor dem Mund. Der Schaum steckt
den Leuten im Hirn, das macht ihre Tollwut schwer auf den ersten
Blicke erkennbar (Hinweis: Gilt nicht nur für IS).
Ein kohärenter Film aus Momentaufnahmen
Es ist ungeheuer komisch, wie sehr sich
die angeblich heiligen Regeln immer wieder als im Detail unanwendbar
erweisen – und es ist verstörend, wie sich das Leben in Timbuktu
biegt und verbiegt, um den Regeln doch gerecht zu werden. Die
Drohung, dass die Besatzer Gewalt anwenden könnten ist immer im
Hintergrund spürbar. Es ist erschreckend und traurig, wie die
Regeln, am eigenen Anspruch, Gerechtigkeit und Frieden zu bringen
scheitern – ohne, dass ihre Herren, allen voran der hohle Imam sich
darum scheren. Bürokraktisch kritzeln sie in Büchern, verurteilen
zum Tode oder zur Heirat oder zum Ausgepeitschtwerden und lümmeln
nach getaner Arbeit auf dem Boden, erreichbar über schicke westliche
Smartphones, wenn die jungen Gotteskrieger theologischen Beistands
bei der Anwendung der Regeln bedürfen. Etwa, wenn sie sich nicht
sicher sind, ob jemand, der verbotenerweise Musik macht, auch
verhaftet gehört, wenn in der Musik Gott und der Prophet gelobt
wird.
Für den Zuschauer aufgelöst wird diese Frage übrigens nicht
(ich tippe aber einfach mal auf „Verhaften“ - radikale Religionen
haben immer ein Problem damit, wenn der Mensch schöpferisch tätig
ist), wie auch nur wenige Geschichten durcherzählt werden.
„Timbuktu“ folgt keiner gängigen (westlichen) filmischen
Erzähltradition, sondern knüpft Miniaturen von Geschichten,
Schnappschüsse, zu einem kohärenten Film, der wie aus einem Guss
wirkt.
Großartige Filmsprache
Beeindruckend ist auch, wie souverän
Regisseur Abderrahmane Sissako die filmischen Mittel einsetzt: Die
übereinander und ineinander geschachtelten Lehmbauten des Ortes, in
dem der Film größtenteils spielt, können zu einem flachen
Theaterprospekt werden oder zu einem in die Tiefe gehenden Labyrinth,
abhängig davon, wie stark die Kamera Schatten und unterschiedliche
Nuancen der Erdtöne der Bauten herausarbeiten. Oft forciert die
Kamera die Tiefe und macht die Räume eng – bei Gerichtsszenen
beispielsweise. An Szenen außerhalb des Ortes, weiter weg von der
Herrschaft der Besatzer nutzt sie die ganze Breite des Bildes im
Format aus: Wer dann verstehen möchte, was vor sich geht, muss das
ganze Bild mit seinen Augen absuchen und auf Details achten. Farben
und Musik sind sparsam eingesetzt. Umso auffälliger ist es, wenn
diese Spuren eines fröhlicheren Lebens einen Platz im Bild oder in
der Geräuschkulisse finden. „Timbuktu“ verstört durch seine
Ruhe, seine Schönheit und durch seine Distanz, die den Zuschauer
zwingt, selbst zu bewerten.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen