Sonntag, 11. Januar 2015

Grausam absurder Alltag im Islamischen Staat Timbuktu

Monty Python hätten das schreiben können: Zwei Männer unterhalten sich, beide höflich und geduldig. Der eine bringt seine Bedenken über die Tatsache zum Ausdruck, dass über Nacht ein Mädchen verheiratet wurde, die das gar nicht wollte, an jemanden, den sie gar nicht kennt. Nicht mal seine Eltern waren involviert. Der andere argumentiert mit wunderlichen Zitaten aus einem alten Buch. Die Heirat bleibt bestehen. Willkommen im gerechten, islamischen Staat Timbuktu!





Schaum im Hirn


Monty Python haben den Sketch leider nicht geschrieben. Wenn, dann hätten sie ihn in der Mitte durch den Ritter mit dem Gummihuhn oder eine surreale Animation von Terry Gilliam (übrigens: hat jemand diese herrliche Hommage an ihn bei Fringe gesehen?) abbrechen müssen. Geschrieben hat die Geschichte die Realität, kein begummihuhnte Ritter bietet einen Notausstieg aus der Farce. Das Leben geht weiter. Für ein viel zu junges Mädchen nun an der Seite eines Dschihadisten, der nicht mal ihre Sprache spricht und sie nicht die seine. „Timbuktu“ heißt der Film, der diese und andere ähnliche Geschichten erzählt. Er spielt während der Zeit, in der Kräfte des IS den Norden Malis unter Kontrolle hatten, in der Umgebung der titelgebenden Stadt, die schon so wunderbar fremdländisch klingt, dass ich als Kind tatsächlich überrascht war, als ich sie auf einer Landkarte fand.

Fremd ist die Stadt und das Land allen: Zum einen den Gotteskriegern, die sie und es besetzen. Sie stammen aus Libyen, Niger oder auch den USA stammen und unterhalten sich in einer Mischung aus maghrebinischem Französisch oder mehr oder weniger schlechtem Arabisch (zumindest beschwert sich der Westler immer über das schlechte Arabisch seiner Kollegen). Zum anderen den Bewohnern, die ihren Alltag von Regeln beherrscht sehen, die einer Logik folgen, die nur dem den Besatzern vorstehenden Imam klar ist – und das auch nur, weil er selbst keine große Leuchte ist. Spannend an „Timbuktu“: Der Film verweigert jedes Urteil. Wir bekommen keinen blutrünstigen Gotteskrieger zu sehen, keinen Hassprediger mit Schaum vor dem Mund. Der Schaum steckt den Leuten im Hirn, das macht ihre Tollwut schwer auf den ersten Blicke erkennbar (Hinweis: Gilt nicht nur für IS).

Ein kohärenter Film aus Momentaufnahmen


Es ist ungeheuer komisch, wie sehr sich die angeblich heiligen Regeln immer wieder als im Detail unanwendbar erweisen – und es ist verstörend, wie sich das Leben in Timbuktu biegt und verbiegt, um den Regeln doch gerecht zu werden. Die Drohung, dass die Besatzer Gewalt anwenden könnten ist immer im Hintergrund spürbar. Es ist erschreckend und traurig, wie die Regeln, am eigenen Anspruch, Gerechtigkeit und Frieden zu bringen scheitern – ohne, dass ihre Herren, allen voran der hohle Imam sich darum scheren. Bürokraktisch kritzeln sie in Büchern, verurteilen zum Tode oder zur Heirat oder zum Ausgepeitschtwerden und lümmeln nach getaner Arbeit auf dem Boden, erreichbar über schicke westliche Smartphones, wenn die jungen Gotteskrieger theologischen Beistands bei der Anwendung der Regeln bedürfen. Etwa, wenn sie sich nicht sicher sind, ob jemand, der verbotenerweise Musik macht, auch verhaftet gehört, wenn in der Musik Gott und der Prophet gelobt wird. 


Für den Zuschauer aufgelöst wird diese Frage übrigens nicht (ich tippe aber einfach mal auf „Verhaften“ - radikale Religionen haben immer ein Problem damit, wenn der Mensch schöpferisch tätig ist), wie auch nur wenige Geschichten durcherzählt werden. „Timbuktu“ folgt keiner gängigen (westlichen) filmischen Erzähltradition, sondern knüpft Miniaturen von Geschichten, Schnappschüsse, zu einem kohärenten Film, der wie aus einem Guss wirkt.

Großartige Filmsprache


Beeindruckend ist auch, wie souverän Regisseur Abderrahmane Sissako die filmischen Mittel einsetzt: Die übereinander und ineinander geschachtelten Lehmbauten des Ortes, in dem der Film größtenteils spielt, können zu einem flachen Theaterprospekt werden oder zu einem in die Tiefe gehenden Labyrinth, abhängig davon, wie stark die Kamera Schatten und unterschiedliche Nuancen der Erdtöne der Bauten herausarbeiten. Oft forciert die Kamera die Tiefe und macht die Räume eng – bei Gerichtsszenen beispielsweise. An Szenen außerhalb des Ortes, weiter weg von der Herrschaft der Besatzer nutzt sie die ganze Breite des Bildes im Format aus: Wer dann verstehen möchte, was vor sich geht, muss das ganze Bild mit seinen Augen absuchen und auf Details achten. Farben und Musik sind sparsam eingesetzt. Umso auffälliger ist es, wenn diese Spuren eines fröhlicheren Lebens einen Platz im Bild oder in der Geräuschkulisse finden. „Timbuktu“ verstört durch seine Ruhe, seine Schönheit und durch seine Distanz, die den Zuschauer zwingt, selbst zu bewerten.

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