Dienstag, 30. April 2013

"Four Lions" - die sympathische Version des Boston-Attentats

Am 15. April 2013 explodierten in Boston während des "Patriot Day Marathons" zwei Bomben. Zwei Menschen wurden getötet, an die 260 verletzt, zum Teil verstümmelt. Das ist also jetzt zwei Wochen her und daher hoffe ich, dass es nicht pietätlos wirkt, wenn ich jetzt über einen Film schreibe, der die Geschichte eines (fiktiven) Attentats auf einen Marathonlauf erschreckend komisch bearbeitet. "Four Lions" heißt er, und der trifft bei einem Thema ins Schwarze: Beim Motiv. Warum beschließen ein paar unauffällige Menschen, ihre Mitmenschen zu töten, um einer diffusen Idee zu dienen?




Mörder ohne Grund

Das sind die Jihadisten, die der Norden Englands zu bieten hat: Wachmann Omar (Riz Ahmed), der mit seiner Frau, einer Krankenschwester, eine durchaus moderne Ehe führt. Waj (Kayvan Novak), ein naiver und liebevoller Dummkopf. Faisal (Adeel Akhtar), der sich meist um seinen kranken Vater kümmern muss und ansonsten Krähen trainiert. Hassan (Arsher Ali), ein untalentierter Rapper ("for my creed/ I die-heed ..."). Und der radikalste von ihnen: Barry (Nigel Lindsay), ein wütender Konvertit, der selten korrekte Koranzitate absondert. Gegen Ende des Films sind es nur mehr vier, denn ein explodierendes Schaf macht einen der ihren vorzeitig zum Märtyrer - oder zu Jalfreezi, sie sind sich nicht ganz sicher, ob mit Sprengstoff in der Tasche über ein Schaf zu stolpern wirklich als Angriff auf die Nahrungsmittelvorräte des Feinds zu werten ist und zum Märtyrerstatus verhilft. Diese "Vier Löwen" verüben einen Anschlag auf den London Marathon.

„Four Lions“ ist ein Film, der seine Wirkung entfaltet, wenn ihn eine größere Gruppe sieht. Im trauten Wohnzimmer ist er hauptsächlich düster, in einem Kinosaal sorgt er für Hysterie: Alle sind gespannt, irgendwann lacht einer und plötzlich lachen Alle, auch wenn das Thema ganz und gar nicht zum Lachen ist. „Four Lions“ ist schrecklich, denn der böse, islamistische Feind wie wir ihn sonst kennen, existiert nicht. Die Löwen haben keine klare Vorstellung davon, wogegen sie kämpfen oder gar wofür.

Dummheit siegt

Omar scheint Jihad machen zu wollen, weil man den halt macht – und seine Frau und sein junger Sohn freuen sich darüber, bald einen Märtyrer in der Familie zu haben. Ob Waj wirklich kapiert, dass er sterben muss, ist nicht so ganz klar. Hassan kapiert's, will nicht wirklich, lässt sich aber mitschleifen. Hassan will aussteigen, kriegt es aber nicht hin. Der einzige, der konkrete Gründe für seinen Zorn auf die Gesellschaft nennt, Barry, redet Unsinn („We got people playing stringed instruments!“).

Die Löwen scheinen auf keinem Radar auf, wie könnten sie auch! Sie sind unorganisiert, unstet und dumm. Nach dem Attentat verkauft die britische Polizei ihre Ratlosigkeit als Erfolg, verteidigt einen fehlerhaften Rettungsschuss („the police shot the right man, but as far as I'm aware, the wrong man exploded.“) und lässt den schon länger überwachten Bruder Omars, der aussieht wie ein großer, böser Islamist, ohne einer zu sein, verhaften.

Die Sehnsucht nach dem großen, bösen Feind

Hier endet der Film. Seine Fortsetzung sehen wir jetzt: Focus Online wusste beispielsweise sehr schnell, welche Fahndungspannen in Boston vorgefallen waren. Jeder schrieb, dass Tamerlan schon mal vom FBI durchleuchtet wurde und wie es sein konnte, dass da nichts aufgefallen war (weil: durchleuchtet wurde er auf Anfrage eines ungenannten Landes, das ganz bestimmt nicht Russland ist *hust*, weil Tamerlan Verwandte in der Unruheprovinz *hust* Tschetschenien besuchen wollte. Twitter und Reddit glühte auf der Jagd nach den Bombenlegern, CNN falschmeldete eine Verhaftung und genug Leute posteten später martialische Aufrufe, gegen dieses verdammte Tschechien vorzugehen.


Hat schon jemand geschrieben, wie schön theatralisch die Namen Tamerlan (der letzte Eroberer Afghanistans und Muslim) sowie Dschochar (der Vorname des ersten tschetschenischen Präsidenten) waren? All das Getröte jedenfalls ist nur Ausdruck unserer Hilflosigkeit vor der Frage: Warum? Was trieb diese Jungs dazu? Kennten wir ihr Motiv, könnten wir versuchen, sie zu verstehen und aus dem Verständnis vielleicht bessere Filter entwickeln, solche Leute vorher zu finden – das dürfte zwar eine falsche Hoffnung sein, aber immerhin: Hoffnung.


Was in „Four Lions“ das hysterische, hilfloses Lachen auslöste ist: Es gab keinen Grund, zumindest keinen nachvollziehbaren. Damit keine Möglichkeit zur Früherkennung. Die vier Löwen waren ein paar dumpfe Irre, die trotz aller Unfähigkeit eine Menge Schaden angerichtet haben. Wir werden sehen, was langfristig bei der Boston-Ermittlung herauskommt, doch ich befürchte, dass die Satire hier die Wirklichkeit vorweggenommen hat.

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