Mittwoch, 15. Mai 2013

Drei Oscars für Hadfields "Space Oddity"!

In Space, everyone can hear you sing. Am Abend des 13. Mai (MESZ) hatte das Video "Space Oddity" etwa 1,7 Millonen Abrufe. In der Nacht des 14. waren es knappe 7 Millionen und am Vormittag des 15. sind es 9,8 Millionen. Zwar noch weit entfernt 1,6 Milliarden Abrufe des "Gangnam Style", aber immerhin dürfte das Video des scheidenden Kommandanten der Internationalen Raumstation Chris Hadfield mehr Menschen erreichen, als so mancher Streifen auf dem gerade stattfindenen DokFest in München. "Space Oddity" (2013) begeistert normale Menschen für die Wissenschaft. Er verdient drei Oscars.

 

Slices of Life - in SPACE! 

"Space Oddity" ist der Abschluss einer ganzen Serie von Videos, die zum größten Teil im Youtube-Kanale der Kanadischen Raumfahrtbehörde veröffentlicht wurden. Die Clips sind zwei bis vier Minuten lang und zeigen: Chris Hadfield beim Kochen, beim Rasieren, beim Nägelschneiden, beim Analysieren von Luftproben, beim Broteschmieren und beim Steuern der Raumstation mit einem Laptop. Über 60 Schnippsel aus dem täglichen Leben an Bord einer Raumstation sind es. Zusammengerechnet also Kinofilmüberlänge. Sie zeigen hauptsächlich "Slices of life", also Alltägliches. Endlich mal was Interessantes an dieser langweiligen Raumfahrt.

Ja. Die Raumfahrt ist langweilig! Vorbei die Zeit, als jedes Kind Astronaut werden wollte (berühmt reicht völlig). Sie braucht einfach zu lang. Bald haben wir 2015 und nicht mal die versprochenen Hoverboards sind in Sicht, ganz zu schweigen von verbesserten Raumschiffen. Bemannte Expeditionen, die die äußere Atmosphäre verlassen: Keine seit den Mondlandungen. Klar: Sie ist teuer. Allein im Studio für "Space Oddity", die ISS, kostet der Manntag 7,5 Millionen Dollar. Was für Wissenschaft natürlich viel zu viel ist, und selbst bei einem Hollywood-Film ungewöhnlich. Bei einer guten Youtube-Vermarktung würde „Space Oddity“ bei neun Millionen Aufrufe Dollar 18.000 Dollar einspielen (die anderen Clips habe ich nicht eingerechnet. Ich gehe von 1$ pro 500 Clicks aus). Break Even wäre das zwar nicht, aber immerhin ein paar Dollar weniger, um die die Raumfahrtbehörde den Staat anbetteln muss. Und da die Videos Nebenprodukt der Expedition sind, eine unerwartete Einnahme.

Angeödete Reaktionen auf das größte Abenteuer der Menschheit

Am 12. März 2013 gab die NASA eine Pressemitteilung über einen Fund des Marsroboters „Curiosity“ heraus: Auf dem Mars herrschten früher mal Bedingungen, unter denen Leben, so wie wir es kennen, möglich gewesen wäre. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren … nein, das kann ich nicht neutral schreiben: Ich habe mich maßlos über die Kommentare geärgert, die allein bei den deutschen Medien in den Nutzerkommentaren standen. Auf Welt Online (zu deren Leserkommentaren der Postillon kürzlich bemerkte, dass selbst unter Artikeln über das Paarungsverhalten von Faultieren über Sozialschmarotzer gewettert würde) hatte ich nichts anderes erwartet, doch die engstirnigsten und borniertesten Kommentare schrieben Leser der Süddeutschen Zeitung.


Der Tenor war aber überall gleich. Die nettesten Kommentare hielten das Ganze für einen PR-Gag, damit die NASA halt mal wieder einen Erfolg vermelden konnten. Der Rest: „Und das alles von unseren Steuern!“ Ein ganz besonderer Schlauberger fragte dann auch noch, ob die Wissenschaftler etwa gedacht hätten, Sterne seien aus Marzipan. Andere nannten sie engstirnig und hochnäsig, weil sie nur nach erdähnlichem Leben suchten. "Curiosity" fand so nebenbei auf der Erde deutliche Spuren von höchst unintelligentem Leben.

Roboter im Strahlungshagel und rasende Raumstationen!

Wir haben einen Roboter auf dem Mars. Einen echten Roboter, himmelnocheins, wieso ist das nicht beeindruckend?! Wir können mit ihm über Entfernungen hinweg kommunizieren, die so groß sind, das lichtschnelle Funksprüche nicht mehr ohne Zeitverzögerung geschehen. Der Roboter wurde schon einmal per Fernsteuerung repariert, als die kosmische Strahlung seine Elektronenhirn beschädigt hatte. Der Roboter hat einen ganzen fremden Planeten als Spielplatz den er, unter ständigem Bombardement durch kosmische Strahlung, anbohrt. Das alles ist nicht ausgedacht, es passiert, es ist menschgemacht. In der oberen Atmosphäre der Erde rast eine Raumstation mit 8 Kilometern pro Sekunde über die Erde. Das sind 28.800 km/h, was ich selbst auf deutschen Autobahnen nicht hinbekommen habe.

Die ISS wurde mit der gemeinsamen Anstrengung von Nationen geschaffen, die sich vor ein paar Dekaden noch gegenseitig an die Gurgel gingen und die im täglichen Trott irdischer Politik auch nicht immer miteinander klarkommen. Wo sich früher die Götter kabbelten vermessen wir Menschen nun das All. Und andere Menschen halten das für langweilig und für zu teuer. Wir sind eine eigenartige Spezies.


Virales Marketing - in SPACE!

Nun geht „Space Oddity“ viral. Die Abrufe der anderen Videos steigen auch an. Wer den singenden Kommandanten gesehen hat, will ihn auch beim täglichen Leben sehen. Erfährt, dass die Astronauten Tortillas (ich nehme an: südamerikanische) statt Weißbrot verwenden (wegen der Brösel), dass man eine Gitarre auf der ISS öfters stimmen muss, als auf der Erde (wichtiges Wissen für jeden Weltraumcowboy) und kann beobachten, wie sich Wasser in der Schwerelosigkeit verhält, wenn es aus einem Waschlappen gewrungen wird (einfach anschauen). Hadfield spricht poetisch über Sonnenauf- und -untergänge und in welchen Farben die Bullaugen der Station dann glühen – und dass sie „täglich“ 16 Sonnenuntergänge haben (nur der Keine Prinz hatte mehr).
Coolest thing is sunrise. Poetisch beschrieben, wie sich die Farbe ändert. Er gibt Schulkinder Tipps: „Every decision you make turns you a little bit into the person you're going to be“, er twittert mit Wil Wheaton und Simon Pegg und unterhält sich mit William Shatner („Standard orbit, captain“). Ach, à propos Twitter: Jeden Tag veröffentlichte er dort ein Foto, geschossen von der ISS. Sonnenunter- und aufgänge waren viele darunter, aber auch eines von Berlin bei Nacht, auf dem man immer noch erkennt, was mal Ost- und was mal Westberlin war.

„Space Oddity“ (2013) bietet uns ein Fenster in die Weltraumforschung, macht sie für uns Normalos zugänglich und kann begeistern. Darum: Die ganze Serie sollte als ein Gesamtfilm gesehen werden, bei dem man sich aussuchen kann, welche Teile man wann sehen kann. Dieser Film verdient den Oscar für die beste Dokumentation und einen für die beste Musikadaption. Und noch einen: Für den besten Schnurrbart. So long, Space Cowboy

PS: netterweise können wir das Video sogar in Deutschland sehen, ohne dass uns die verhasste Meldung entgegen kommt, das Video verletze möglicherweise Urheberrechte. Hadfields Film ist also sogar vom Grabenkrieg zwischen Google und Gema ausgenommen. Das nämlich schafft nichtmal das "Gangnam Style"-Video das auf Psys offiziellem Kanal gesperrt ist.

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