Mord, Schuhe, Sex
Auf der Beerdigung ihres bei einem Unfall verstorbenen Vaters lernt India Stoker (Mia Wasikowska) ihren Onkel Charlie (Matthew Goode) kennen, von dem sie bisher noch nie was gehört hatte. Die Haushälterin scheint mehr zu wissen über den aalglatt lächelnden Mann mit stechendem Blick, doch sie am nächsten Tag verschwunden. Indias Mutter (Nicole Kidman) dagegen ist sehr angetan von dem charmanten, jüngeren Ebenbild ihres Mannes. Soweit, so Agatha Christie. India selbst aber ist auch nicht ganz normal, hat ein übermenschlich scharfes Gehör, ist Menschen gegenüber ähnlich indifferent wie der Onkel Charlie („sie verschwinden eben einfach“). Außerdem schießt sie gerne Vögel. Soweit, so Park Chan-Wook. Der koreanische Regisseur („Oldboy“, „I Am a Cyborg, But I Am Okay“) gibt jeder seiner Figuren gern zumindest einen beunruhigenden Zug mit. Dass der Onkel aussieht wie Anthony Perkins, Duschköpfe in dramatischer Großaufnahme erscheinen und ganz allgemein Sex und Tod in bester verklemmter katholischer Tradition miteinander verknüpft wird, ist noch der Hitchcocksche Zuckerguss oben drauf. Hitchcock, der Kryptokatholik aus Großbritannien fand im protestantisch-puritanischen Amerika das ideale Publikum für Obsessionen um das anrüchig Körperliche.
Allerdings ist es heute schwieriger, so etwas zu machen, als damals: Hitchcock deutet gegen heftige Widerstände von Produzenten und Tugendorganisationen ankämpfend immer ein bisschen mehr an als jenen lieb war und weniger als das, was das Publikum sich nur ganz insgeheim in einem hinter einer klappbaren Bücherwand voller Bibeln verborgenen Zimmer ihrer Psyche (dort, wo sie auch die Lederspielzeuge lagerten) eingestanden, dass sie sehen wollten. Heute darf und muss ein Regisseur alles auffahren, was nur geht: Von Obsessionen mit Schuhen (das Mädchen steigt aus den Turnschuhen wird von Onkel Charlie in anfangs etwas schmerzende rote Stilettos gesteckt) über Spinnen, die über den Schritt krabbeln bis zum Masturbieren unter der Dusche nach einem Mord. Ist's schockierend? Es ist leider eher etwas ermüdend. Großartige Bilder zeigt Parks Lieblingskameramann Chung-hoon Chung, aber so richtig zu packen schaffen sie nicht.
Wie freizügig sind wir wirklich?
Sex sells, heißt's. Und in unsere Gesellschaft verkaufen wir alles mit Sex. Sex à la Hitchcock aber zieht heute nicht mehr so gut, wie früher. Was reibungslos funktioniert sind Themen wie "der (mehr oder weniger) unschuldig Verfolgte", das "Side Effects" aufgreift. Das Thema lässt sich leichter ins Jetzt transportieren, in dem man von Schwarz/Weiß- auf Grau/Grau-Moral umschaltet. Bei Sexualität ist es schwieriger, denn wir gehen seltsam damit um: Auch wenn wir sie offen fast überall zeigen können, erlauben wir uns nicht besonders viel Freizügigkeit. Wenn freizügig, dann ist sie eher ein Thema für Komödien. Auch das deutet darauf hin, dass wir Sexualität oder bestimmte Aspekte wohl immer noch irgendwo in einem abgesperrten Zimmer aufbewahren (wenn auch im Bücherregal davor nun eine Sammlung von Blümchensexgeschichten liegt). Parks "Stoker" ist im Grunde ein toller Versuch, da reinzukommen. Wenn er vor vor lauter Zitaten und Allegorien nicht die Spitze verloren hätte, die dem Film die letzte notwendige Kraft gegeben hätte. Das ist das allgemeine Problem mit dem Zitatenkino – wer nicht nur einen Film macht, sondern gleichzeitig 30, muss sich irgendwo auch mal verzetteln.
Oder vielleicht bin auch ich einfach nur verklemmt? Ich gehe mal besser in das verborgene Zimmer und frage die dort gefesselte Haushälterin ...
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