“Oh Boy“ mit Kaffee
In den deutschen Kinos läuft zur Zeit ein Trailer, der die Partys stärker herausstreicht. Der Trailer für Cannes zeigte lediglich Bilder des Tibers zu Chorgesang (Kunst!). Der obige Trailer kommt am ehesten hin: Ein paar wilde Partys wechseln mit ruhigen Szenen voller Wehmut. Die Geschichte ist kaum vorhanden: Jep Gambardella (Toni Servillo) gilt als König der mondänen Gesellschaft Roms. Vor 40 Jahren schrieb er ein angeblich geniales Buch, seither arbeitet er als Gesellschaftsjournalist und ist so beruflich auf vielen Feiern unterwegs. Das Leben wirft was ab, denn von der Terrasse seiner Wohnung blickt er zwar auf eine Ruine, aber da es sich dabei um das Colosseum handelt, ist das wahrscheinlich zu verschmerzen. Er beobachtet das nichtige Treiben seiner Mitmenschen und das seit seinem 65. Geburtstag (hier setzt der Film ein) mit zunehmender Melancholie.Er geht kurz mit einer 40-jährigen Stripperin aus. Er lässt eine hübsche, reiche Frau sitzen, als sie ihre Sammlung von Fotos holt, die sie von sich gemacht hat, um ihren Körper besser lieben zu lernen (dabei mögen ihre Facebook-Freunde die doch sehr gerne). Er demontiert eine selbstgerechte Bekannte, die meint, im Gegensatz zu allen Anderen etwas zur Gesellschaft beizutragen. Die Bekannte bringt sich später um.Er sieht weitere Freunde um sich herum sterben und veranstaltet ein gehobenes Dinner zur Ehren der Entourage einer angeblichen Heiligen (die zumindest die Kraft hat, eine Schar Flamingos auf seiner Terrasse rasten zu lassen). Kaffee bekommt er wahrscheinlich von seiner patenten Haushälterin, ansonsten ist Jep aus „La Grande Bellezza“ wie Nick „Oh Boy“ besser finanziert, genauso orientierungslos, wenngleich weniger sympathisch.
Die schwebende Kamera und die große Schönheit
Den großen Roman über das Nichts, den Flaubert angeblich verfassen wollte, Jep lebt ihn. Er schreibt ihn nur nicht nieder. Vielleicht tatsächlich, weil er auf der Suche nach einem Moment absoluter Schönheit ist, von dem er zu Schreiben ausgehen kann, wie er ein paar Mal im Film behauptet. Momente der Schönheit gibt es zu Hauf in dem Film, dank großartiger Kamera- und Tonarbeit, doch alle bis auf einen am Ende immer gebrochen, dank des Drehbuches, das Sorrentino selbst geschrieben hat. Und der perfekte Moment ist wahrscheinlich auch nur deswegen perfekt, weil er rechtzeitig endet. Sie alle werden mit einer Schwebekamera eingefangenDie bewegliche Kamera ist kaum neu. Seit dem Gestelle wie der Handyman perfektioniert wurden, ist sie sehr häufig - und meiner Meinung nach viel zu häufig – im Einsatz. Habt ihr schon mal neurotische Elefanten im Zoo gesehen, die ständig ihren Kopf hin- und herschaukeln? Bei manchen Filmen vermute ich, dass diese Tiere statt eines Statives verwendet wurden (ja, J.J. Abrams, das betrifft Dich). Bei „La Grande Bellezza“ nun nimmt die schwebende Kamera die Stimmung und den Rhythmus einer Szene in ihren Bewegungen auf. Sie tänzelt nicht nur um des Tänzelns willen. Die Bewegung wird – endlich wieder! – zu einem sinnvoll eingesetzten formalen Stilmittel.
Der Ton und die große Verwirrung
Der Ton ist ebenfalls geschickt
eingesetzt. So wird das geschäftige Rom erstaunlich still, wenn Jep
gedankenversunken vor sich hin flaniert und nur die Dinge, die ihm
wohl auffallen, werden auch hörbar. Wichtig ist er vor allem bei den
Partyszenen: Stampfende Musik („Far l'amore“ und „Wanna Be
Americano“) erzeugt den Sog, den jede moderne Party hat (das hat
recht einfache, körperliche Gründe) und dazu mischen sich
Dissonanzen, die den Zuschauer immer kurz bevor er sich dem Sog
ergeben möchte wieder herausreißen. Hinzu kommen ganz wunderbare
Brechungen wie einmal ein Schnitt hinter die Kulissen zu einer
Tänzerin, die in ihrer Box tanzt, ohne was von der Geräuschkulisse
der Party hören zu können (sie ist Teil der Partydeko). Oder
einmal, als die Musik für ein paar Takte dumpf und verzerrt wird, so
als sei man als Zuschauer schon betrunken oder High. Und darüber
kommen ganz grässlich banale Dialoge, die die ach so mondän
abgehobene Stimmung gleich wieder auf den Boden der Tatsachen
zurückholen: „Ich besorg's dir“ und „Mein Handy wurde
gestohlen“.
Die Kombination aus Ton, Kamerafahrten, präzisen
Schnitt und Dialogen machen die Partys zu einer Angelegenheit, in die
ich mich zum einen fasziniert hineingezogen fühlte, die ich zum
anderen auch distanziert und etwas verwundert betrachten konnte.
Partys ohne Anlass sind ja im Grunde auch etwas Merkwürdiges: Da
kommen Menschen zusammen und beschließen, jetzt, genau jetzt guter
Laune zu sein. Das Resultat sind dann diese merkwürdigen Rituale aus
Herumhampeln und lauten Juchu-Rufen, wohl um sich selbst zu
bestätigen, wie gut drauf man doch ist. „La Grande Bellezza“
schafft es, die Möglichkeit, innerhalb einer Menschenmenge einsam,
innerhalb von Jubel melancholisch zu sein, festzunageln.
Das Gelungene ist das Meistkritisierte
Diesem Film gelingt das besser, als beispielsweise „The Great Gatsby“. Dort sind die Feiern opulent. Die Szenen springen den Zuschauer an, überwältigen ihn mit Pomp, mit grellen Bildern und hypnotischer Musik. Nichts gegen Baz Luhrmans Regie, aber „La Grande Bellezza“ geht eben noch einen Schritt weiter: Er überwältigt, lässt dann auch wieder los. So sind die Figuren auch weniger sympathisch, als Leonardo di Caprios Gatsby. Ersterer ist im Grunde genau so lächerlich wie Jep, wenn er in seinem verkitschten Palast auf die Liebe seines Lebens wartet – aber wir sind ihm so nah, dass er uns sympathisch ist. Kein Wunder, dass es nun eine Gatsby-Party-Szene gibt, bei denen versucht wird, ähnlich überbordende Feiern auf die Beine zu stellen. Die eigentliche Aussage des Films scheint dabei verloren gegangen zu sein. Bei „La Grande Bellezza“ besteht da keine Gefahr. Und so hängen sich gleich eine Menge Kritiker daran auf, dass die Figuren nicht wirklich sympathisch sind, dass diese als Nichtstuer porträtierten Leute auch tatsächlich nur Nichtigkeiten von sich geben.Für mich ist eben gerade dieser Kritikpunkt das Faszinierende und Gelungene an dem Film. Von Fellini und Co geklaut ist auch nichts. Einziger Schwachpunkt: Mit 2,5 Stunden ist der Schinken ziemlich lang und das letzte Segment – der Besuch der Heiligen – ist in sehr langsamen Tempo und wohl nur was für den Kenner des katholischen Gesellschaftssumpfes. Ansonsten bietet „La Grande Bellezza“ eine ganze Menge Momente großer Schönheit.
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