Montag, 19. August 2013

Elysium, Pandämonium, Brimborium

Oh Elysium, ich wollte Dich doch lieben. Gesehnt hatte ich mich nach guter Science Fiction und eingebildet hatte ich mir, Du würdest das sein. Doch am Ende von Neil Blomkamps neuem Film, in dem immerhin Matt Damon und Jodie Foster mitspielen, muss ich sagen: Lass uns Freunde ... nein, lass uns Bekannte bleiben.





Die Erde ist was für Arme

Das titelgebende "Elysium" ist eine seesternförmige Raumstation, auf der die reichen Menschen ein Leben in Luxus und ohne Sorgen führen. Den Planeten, den Elysium umkreist kann man vergessen: Erde heißt er und er ist eine Müllhalde. Nur Proleten leben auf der Erde. Es ist ihnen nicht einmal gestattet, einen Bürger Elysiums anzuatmen, ihren Mund müssen sie mit einer Hand bedecken, sollten sie mit einem sprechen. Einer der Erdenbürger ist Max (Matt Damon), ein auf Bewährung entlassener Häftling, der sich wirklich bewähren will und am Fließband genau die Androiden zusammenschraubt, die Illegale Immigranten von Elysium fern- und auf der Erde die Arbeiter kurz halten (Marx verdrückt gerade einen Freudenträne in seinen Bart). Die Androiden müssen - wie euch jeder Experte für Robotik gerne bestätigen wird - unter hoher radioaktiver Strahlung gefertigt werden (elektromagnetische Pulse sind ein Balsam für jeden Schaltkreis) und - wer hätte es gedacht! - dabei wird Max verstrahlt. Fünf Tage zu leben hat er noch, teilt ihm eine Roboter mit, steckt ihm Pillen zu und entlässt ihn. Heilung gäbe es auf Elysium, doch Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) und ihr Erdenagent Kruger (Sharlto Copley) eliminieren gerne jeden Unauthorisierten auf dem Weg nach Elysium. Selbst für den mittlerweile mit einem Exoskelett verschweißten Max also eine Herausforderung. Außerdem muss er das krebskranke Kind einer Freundin aus gemeinsamen Waisenhaustagen retten. Und er hat hochsensible Daten geklaut und in seinem Hirn gespeichert, hinter denen eine Menge Leute her sind.



Oh "Elysium", Du hast keine schlechte Geschichte. Utopien oben, Dystopie unten - das ist gute alte Science Fiction. Elysische Villen haben ihre eigene Panazee (komm, wer "Elysium" schreibt, darf auch "Panazee" schreiben, wenn er dafür mindestens dreimal ganz einfache Worte wie "Max", "Matt" und "Damon" erwähnt), also ein Allheilmittel, das auch verwendet werden kann, um Runzeln zu entfernen. Auf Erden gibt es kaum Grundversorgung. Du greifst also auch ein aktuelles Gesellschaftliches Problem auf, wie es sich für brave Science Fiction gehört. Doch musste es so plump sein? Figuren gibt es kaum in dem Film, eher Tropen mit Gesichtern. Max: Waisenhauskind, von Nonnen erzogen, Underdog, ehemaliger Verbrecher (aber nur Autodieb, also ein lieber). Er wird zum Helden und später zum Jesus (mit einer etwas schmalzigen Version von "consumatum est"). Delacourt: eiskalt, böse. Sie ist und bleibt böse. Kruger: heißblütig, böse. Er wird zum Endboss. Das krebskranke Mädchen: krebskrank, darum unzerstörbar. Kann ohne Kratzer abzubekommen in den Weltraum geschossen werden, mit einem Shuttle abstürzen und durch Kugelhagel getragen werden und erzählt auch noch eine liebe Geschichte, die den Helden zum Heldentum überredet. Liebes "Elysium": Das ist Muß, das ist Mist und es beleidigt mich, dass Du mir anträgst, in solche Psychologiekrücken Emotionen reinzustecken. Denk doch mal an die Hauptfigur von "District 9" (übrigens auch gespielt von Copley): Ein Bürokrat, der sich anfangs aufplustert, um von den großen Jungs ernst genommen zu werden und bis zum Ende trotz aller positiven Weiterentwicklungen etwas selbstsüchtig und zwielichtig bleibt. Kurz: eine interessante Figur. Trotzdem war "District 9" massentauglich. Nur weil Du Mainstream bist (und daran ist nichts falsch), musst Du doch nicht Figuren verwenden, die nur in Karikaturen von Mainstreamfilmen vorkommen.



Viel Lärm um Klischees

Neill Blomkamp, der für beide Filme das Buch schrieb und bei beiden Regie führte, macht natürlich das Richtige: Das ist erst sein zweiter großer Film, er darf ihn in Hollywood mit Hollywood-Budget machen, also geht er auf Nummer Sicher. In die Welt von "Elysium" ist dabei viel Herzblut reingeflossen: Das Design der Fluggeräte, die Architektur auf der Raumstation, allein die vielen Graffitis, die sich überall finden wären einen Fotoband wert. Die Lüftungsschächte der Flugmaschinen wehen Staub in Richtung der Kamera, die Schusswaffen haben Rückstoß und sogar endliche Magazine, Matt Damons Oberkörper ist kein perfekt trainierter Waschbrettbauch - hier hat sich jemand Gedanken gemacht und harte Fakten in die Science Fiction eingebaut. Es ist halt schade, dass "Elysium" die mit Bedacht gebaute Welt nicht mit lebenden Figuren bevölkern kann.



Umso lebendiger geht es auf der formalen Ebene zu: Die Tonspur wummert, kracht und scheppert unentwegt. Die Musik mischt mit viel Pauken und gelegentlichen Trompeten eifrig bei dieser Geräuschkulisse mit. Bei den Bildern steigert Blomkamp die Unruhe aus "District 9": Voller Energie schwirrt die Kamera durchs Bild, erfasst für Sekundenbruchteile Details, lässt sich auch einmal von Lichtquellen blenden, erzeugt den ganzen Film hindurch konsequent eine Stimmung der Orientierunglosigkeit, des aus allen Richtungen bedroht Werdens. Ich bin ja kein Freund der Wackelkamera, aber Blomkamp setzt sie immerhin konsequent und eigenen Regeln folgend ein. Das Resultat ist ein Pandämonium aus Lärm und Bildergeblitze. Gegen Ende von "District 9" gab es eine Sequenz, in der eine Kampfmaschine zig Angreifer aus allen Richtungen in fliegenden roten Brei verwandelte (bis auf einen, der wurde von einem auf ihn geworfenes Schwein erschlagen), das alles in zehntausend Schnitten zer- und mit viel Wummern unterlegt. So mein liebes "Elysium" bist Du. Nur nicht eine Sequenz lang, sondern fast die ganze Zeit. Ich würde mich ja gern überwältigen lassen - und teilweise habe ich mich auch drauf eingelassen, aber auf die Dauer war mir das zu heftig, mein liebes Elysium. Es gibt sicher Leute, die auf so was stehen (und daran ist nichts falsch), aber ich brauche auch mal ein paar ruhige Momente (ein bisschen kinematische Zärtlichkeit). Außerdem lässt es mich halt einfach kalt, was den sogenannten Figuren in diesem Pandämonium zustößt und das platte Brimborium über Arm und Reich ist mir einfach zu platt. Science Fiction ist eben schwer. Einfach alle Dystopie-Klischees aufeinander zu stapeln ist sie jedenfalls nicht. Also, liebes Elysium: Das war ein interessanter One-Night-Stand, aber mehr wird nicht draus.

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