Leben wie bei uns - nur eben überhaupt nicht wie bei uns
Über Saudi-Arabien weiß ich im Grunde nichts. Hätte mir der Film weißmachen wollen, Hauptverkehrsmittel sei dort das dreihöckrige Kamel, hätte ich das wohl genauso hingenommen, wie ich das Porträt hinnehme, das "Wadjda" von dem Land zeichnet: Mit ungläubigem Blinzeln aber doch Vertrauen, dass es stimmt. So weiß ich nun also, dass die Menschen in den Städten Saudi-Arabien nicht per Kamel, sondern mit modernen Autos (Transportern und schicken Pick-Ups) auf geteerten, wenn auch staubigen Straßen unterwegs sind. Fahrräder gibt es eben auch, und zwar keine müden Drahtesel, sondern hübsch funkelnde, nach denen auch ich mir als Kind ebenfalls die Finger abgeleckt hatte (obwohl mein Fahrrad damals natürlich das allerschönste war. Es war rot). In den Häusern gibt es Flachbildschirme und Videospiele, sowie - und das bleibt mir als merkwürdig in Erinnerung - zumindest einen Radiokassettenrekorder, auf dem Wadjda Mixtapes aufnimmt. Auch modisch ist alles zu haben, was es bei uns gibt: Jeans, gewagte rote Kleider und auslatschbare Converses. Dazu die komplette Vollverschleierung für erwachsene Frauen und die neckische Variante für Mädchen, die zumindest erahnen lässt, dass da keine Mensch-ärger-dich-nicht -Spielstein unterwegs ist, sondern ein Mensch.Das Leben wird dort ein kleines bisschen anders, da die Regeln des täglichen Umgangs von einer konservativen Religiosität geprägt ist, die auf die Frage "Können Frauen und Männer einfach nur Freunde sein?" ein definitives und konsequentes "Nein" antwortet. Also finden die Leben getrennt voneinander statt. Frauen brauche immer einen Vormund, werden in Gruppen gefahren (als Fahrer sind Gastarbeiter engagiert, die wohl gegen das religiöse Gebot der Trennung verstoßen dürfen) und sie müssen sich verbergen, wenn ein mit ihnen nicht verwandter Mann sie sehen könnte. Wenn also Arbeiter auf einer Staffelei am Ende der Straße in den Pausenhof der Mädchenschule schauen können, dann gehen die Mädchen eben nach drinnen. Das ist selbstverständlich, das muss nicht angeordnet werden, das ist so.
Religion ist eine etwas zweifelhafte Erfindung
Ich weiß nicht, was der Koran zur persönlichen Mobilität von Frauen genau sagt. Ich hatte mal angefangen, ihn zu lesen, bin aber nicht sehr weit gekommen, da mir sein Aufbau (Sortierung nach Länge, ständige Querverweise auf noch kommende Stellen, rätselhafte Buchstaben an den Surenanfängen, die auch im Arabischen offenbar keinen Sinn ergeben ...) zu postmodern war. Ich erinnere mich, dass er mir tatsächlich etwas pingelig vorkam (ist es wirklich so wichtig, wie genau eine Kuh ausschauen muss, wenn sie Gott geopfert werden muss?), also kann sein, dass wirklich etwas zu solchen Details des Alltags drinsteht. Ich schätze aber, dass diese Regeln eher Resultat einer sehr körperfeindlichen (und in der Folge auch frauenfeindlichen) Interpretation der Religion ist. Scham ist eben die beste Fessel und die moralische Diktatur die schrecklichste. Vor 450 Jahren bestraften die Calvinisten in Genf Eltern, wenn sie bei der Taufe ihrer Kinder lächelten. Als Folge ihrer "Kirchenzucht" hatten wir in Deutschland bis in die 60er und 70er Paragraphen gegen "Unzucht" und "Kuppelei", mit denen man vielen Menschen sehr effizient das Leben Zuwider machen konnte. Aktuell ist es halt gerade der konservative Islam, der die Menschen triezt, wenn sie Menschen sein wollen.
"Wadjda" bietet ein kleines Fenster auf das von dieser Religiosität geprägten Leben. Der Film zeigt nur und überlässt dem Zuschauer, Dinge zu entdecken (Mixtapes, Pausenhofregeln) und zu bewerten. Es ist ein ganz normales Leben mit mehr oder weniger unbedeutenden Aufregungen und es ist ein besonderes Leben voll tragischer und komischer Absurdität. Waad Mohammed, die Wadjda spielt, ist ein Glücksgriff als Schauspielerin und sie findet in Reem Abdullah, die ihre Mutter und Ahd, die ihre Rektorin spielt gute erwachsene Partnerin, die sie in ihrem Spiel sehr kollegial unterstützen. Gedreht wurde der Film tatsächlich in Saudi Arabien und noch dazu von einer Frau. Haifaa Al-Mansour brachte die Dreharbeiten für Außenszenen im Inneren eines abgedunkelten Autos zu und verständigte sich mit ihrer Crew per Funkgerät. Das Making-Off zu "Wadjda" wäre wohl ein ebenfalls sehr traurig-komisch absurder Film darüber, wie seltsam der Alltag in so einer Gesellschaft wird.
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